Du hast mich Verstehen gelehrt. Arik Brauer

Arik Brauers Gemälde „Mein Vater im Winter“ steht nicht nur für ein persönliches Schicksal der NS-Zeit, sondern für die vielen Ermordeten in den KZ’s. Ein fast gespenstisch wirkender Mann, gehüllt in eine blaue Decke, der eine Blume geformt wie ein Davidsstern schützend vor sich hält – ein berührendes, fast zerbrechlich wirkendes Bild, das trotzdem voll Stärke und Selbstbestimmung verkörpert, welche Schicksale von jüdischen Mitbürgern erlitten wurden. Ein österreichischer SS-Mann riskierte viel, als er dem vor der Gaskammer Wartenden eine Decke umhängte, der Soldat ist als Vogel auf dem Kopf von Brauers Vater dargestellt. 

  

Ein phantastischer Universalkünstler verlässt die Bühne. 

Über eine persönliche Begegnung von Chefredakteurin Eva-Maria Scheiber mit dem Künstler Arik Brauer, die nachhaltig Spuren hinterlassen hat. 

„Ich war so glücklich mit meiner Frau, mit meiner Familie, mit meiner Kunst und meinem Wienerwald. Aber es gibt eine Zeit, da lebt man, und es gibt zwei Ewigkeiten, da existiert man nicht.“ – mit diesen bewegenden letzten Worten verabschiedet sich Arik Brauer im Jänner 2021 und schließt im Alter von 92 Jahren, im Kreis seiner Familie, für immer die Augen.  

Er wird uns als Maler, Grafiker, Sänger und Dichter durch seine zahllosen und beeindruckenden Werke in Erinnerung bleiben. Es wurden viele Nachrufe auf ihn verfasst, sein Leben und Wirken gewürdigt.  

Doch in diesem Artikel möchte ich eine sehr persönliche Geschichte erzählen, nämlich wie ich Arik Brauer kennen lernte und er auch mein Leben für immer verändert hat. Er hat mich Verstehen gelehrt, meinen Blick auf die Welt geschärft und für dieses Geschenk werde ich ihm stes dankbar sein.

 

Schweigen im Schatten der Geschichte

Dazu muss ich erklären, dass ich in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern als Kind von Arbeitern und Kleinbauern im südburgenländischen Rechnitz aufgewachsen bin. Leider blickt die Gemeinde auf eine düstere Geschichte zurück: das Massaker von Rechnitz fand am 24. März 1945 statt, rund 200 jüdisch-ungarische Zwangsarbeiter wurden von NS-Militärs ermordet und in einem, bis heute nicht eindeutig lokalisierten, Massengrab verscharrt. Dieses Endphaseverbrechen der Schoah bescherte der Ortschaft auch lange nach dem  2. Weltkrieg ,von vielen Einwohner wenig begrüßte, mediale Aufmerksamkeit – einerseits durch das Aufgreifen des hartnäckigen Schweigens, z.B. durch Elfriede Jelineks Theaterstück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ und zahlreicher Rezeptionen desselben, andererseits durch wiederholte archäologische Beprobungen und Grabungsversuche, initiiert durch die Israelitische Kultusgemeinde und deren nachvollziehbaren Wunsch, das Grab der Verstorbenen doch noch zu finden.

Als Kind verstand ich wenig von Politik und meine Bildung hinsichtlich der NS-Kriegsverbrechen war zwar vorhanden, aber sagen wir es mal, sehr „österreichisch“ geprägt. Da hörte man in der Volksschule wie die arme Alpenrepublik von Nazi-Deutschland überfallen wurde, die dann Mordfabriken in ganz Europa zum Zwecke der Vernichtung von Juden und anderer Randgruppen erbauten. Zur Rolle der Österreicher als Nationalsozialisten, oder gar der Geschichte meines Geburts- und Lebensortes lernte ich (in der Schule) überhaupt nichts. Hier musste man sich auf die sehr seltenen und knappen Berichte der „Alten“ verlassen. Oft für Kinderohren gar nicht bestimmt, stets sehr verwirrend und kryptisch formuliert.  

Besonders wenn man einer Familie entstammt, in der sich in der 40er Jahren auf der einen Seite eingefleischte Nazis mit auf der anderen Seite Deserteuren und „Rotwinkeln“ gegenüberstanden. Wenn man zudem in eine kulturelle Identität geboren wird, die die bunte Volksgruppen-Mischung des Südburgenlandes (Ungarn, Kroaten, Roma) stets betont und in der Familie ein Dialekt gesprochen wird der ein wildes Potpourri aus vier Sprachen ist, wird man nicht weniger verwirrt. Kurzum: es war kompliziert und schweigsam. Ein Kontrast aus ethnischer, gelebter Vielfalt gegenüber braunem Wirtshaus- Geflüster („Die graben schon wieder, die Juden.“).  

Zudem finden sich im ganzen Ort zahlreichen Spuren kulturellen jüdischen Lebens. Oft stand ich vor dem schmiedeeisernen Tor des (damals noch nicht sanierten) Judenfriedhofs am Ortsende und fragte mich wo die Angehörigen dieser vielen Gräber sind und ob tatsächlich jemals so viele Juden in Rechnitz gelebt haben? Schließlich kannte ich keinen einzigen Juden (sehr auffällig!)  dabei waren auch Roma im KZ ermordet 

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